Steinbocktour 03.09. – 08.09.2017 (Tag 1)

Eine Woche vorher

“Ich brauche dann noch ein langärmeliges Merinoshirt, eine Wandermütze, ein Paar Reservesocken und eine Trinkflasche“ lasse ich die Verkäuferin unseres Sportgeschäfts wissen.

„Wo geht es denn hin?“ frägt sie Trolleira, während ich in der Kabine das Shirt anprobiere. Mann ist das heiß, es kratzt auch ein wenig.

„Und? Passt es?“

„Ja, super!“ erwidere ich, froh aus dem heißen Ding wieder herauszukommen.

„So eine Hüttentour wollte ich ja auch immer schon mal machen“ höre ich die total sportliche aussehende Verkäuferin weiter mit Trolleira unterhalten. „Irgendwie habe ich es mir dann aber doch nie zugetraut.“

Warum eigentlich nicht, denke ich mir. Einfach machen, das klappt schon, wird bei mir ja auch klappen. Und falls nicht, dann höre ich eben unterwegs auf. Aber das wird nicht passieren.

 

Sonntag, früher Vormittag

Seit Freitag regnet es quasi ohne Unterbrechung. Für heute ist etwas Besserung vorhergesagt, etwas. Und der Verlauf der kommenden Woche wird wohl durchwachsen werden. Nicht die besten Voraussetzungen  für meine erste Hüttentour. Von unserem Hotel in Oberstdorf aus können wir sehen, wie der Regen oben auf den Bergen als Schnee liegenbleibt. Im Radio hören wir die Sprecherin etwas von „Schneefallgrenze in den Alpen bei 1600 Metern“ kommentieren. Also gut, vielleicht sollte ich mir doch noch Handschuhe zulegen. Richtige Handschuhe. Meine aktuellen haben nur so halbe Finger, normalerweise reicht mir das, aber besser mal auf Nummer sicher gehen, es sieht nicht warm aus, wenn man hoch zu den Bergen schaut.

7,5 kg wiegt der Rucksack als ich ihn an den Haken der Waage beim OASE Alpincenter hänge, die neuen Handschuhe sind schon drin. Dafür habe ich aber auch sicher einige Lagen an Kleidung an, die bei wärmeren Temperaturen wieder in den Rucksack müssen. Aber passt schon, ich bin zuversichtlich, einigermaßen gut gepackt zu haben.

„So jetzt kommt mal mit“ erklärt uns Gerhard, der in den nächsten Tagen unser Wanderführer sein wird, „jeder bekommt noch ein paar Schuhspikes und einen Bergschirm von der OASE geliehen.“ Ich hatte mich eigentlich innerlich auf sechs sonnige Tagen in den Bergen eingestimmt, für Schnee und Regen war in meinen Vorstellungen da wenig Platz, aber so ist es nun mal. In den Bergen sind Wetterwechsel normal und so macht sich unsere Truppe ausgerüstet mit Schuhspikes und Schirmen und angeführt von Gerhard auf den Weg zum Bus, der uns vom Bahnhof in Oberstdorf zur Talstation der Fellhornbahn bringt.

 

Es geht los

Die Seilbahn bringt uns hoch auf 1.967 Meter und die Gipfelstation empfängt uns mit Wolken und Schnee. Nur wenn die Wolken ab und zu einmal aufreißen lässt sich das Panorama der umliegenden Gipfel der Allgäuer Alpen erahnen. Auch die Bergschau Ausstellung und der Film, der in der Gipfelstation gezeigt wird schrecken uns nicht ab, obwohl die Gefahren, die sich bei Unwettern am Berg ergeben können, anschaulich gezeigt werden.

Auf der Terrasse der Gipfelstation erklärt uns Gerhard, wie wir die Schuhspikes über unsere Wanderschuhe ziehen müssen, kontrolliert, ob diese auch bei allen richtig sitzen und los geht es, hinein in die Wolken! Ich trage natürlich die „halben“ Handschuhe, die neuen sind weiter sicher im Rucksack aufbewahrt.

Die ersten Meter führen uns über den Fellhorngrat zur Kanzelwand und die Sicht klart bereits etwas auf.

Wir passieren den Adlerhorst und bevor wir auf der Kuhgehrenalpe unsere erste Einkehr machen nehmen wir einen 30 minütigen, kurzen nicht eingeplanten Umweg in Kauf und besteigen wir noch die Kuhgehrenspitze. „Jeden Tag einen Gipfel, das soll schon drin sein“, so ist unser Motto“.

Die Sonne hat die Wolken vertrieben und wir genießen unsere Pause auf der Kuhgehrenalpe. Unsere Gruppe besteht aus 13 Personen und Gerhard, unserem Bergwanderführer. Zwei kleine Gruppen mit jeweils 4 und 3 Personen sowie 6 Einzelwanderern wie mich. Meine Bedenken wegen meiner mangelnden Bergerfahrung kann ich bereits bei unseren ersten längeren Unterhaltungen auf der Alpe zerstreuen. Etwa die Hälfte unserer Truppe befindet sich das erste Mal auf einer Hüttentour und ist ebenso unerfahren wir ich.

Nach einer Stärkung machen wir uns auf den Weg von der Kuhgehrenalpe zum Fiderepass. Das Wetter trübt sich wieder ein und Schnee und Graupel übernehmen die Kontrolle.

Gegen 17 Uhr erreichen wir die Fiderepasshütte (2.067 Meter), die trotz des sehr durchwachsenen Wetters extrem voll ist.

Wir teilen uns auf im Matratzenlager, mein Hüttenschlafsack kommt zum ersten Mal in Aktion. Das Lager ist nicht optimal, die Liegeplätze sind kurz, aber für eine Nacht geht es, wir hoffen auf Besserung für die nächste Nacht.

Ein Teil der Truppe sucht die Duschen auf, die jedoch nur über lange Warteschlangen zum Ziel führen.   Abendessen gibt es um 19 Uhr: Eine Gemüsesuppe, danach Tafelspitz mit Meerrettichsoße und Kartoffeln und als Nachspeise Germknödel mit Vanillesoße. Dazu leckeres Bier aus der Allgäuer Brauhaus (es gibt natürlich auch andere Getränke). Meine Hoffnung, durch sechs Tage Wanderung etwas abzuspecken begrabe ich in diesem Moment. Der Hunger ist groß und das Essen schmeckt ausgesprochen lecker!

Nach dem Essen gibt es noch die Zusammenfassung des Tages, bei der Gerhard uns die gelaufene Strecke auf der Karte zeigt. Danach bekommen wir eine kurze Einführung in das, was uns am nächsten Tag bevorsteht. Eins ist klar, erst einmal wird es abwärts gehen.

Um 10 Uhr ist Hüttenruhe. Nach der Katzenwäsche und Zähneputzen mit eiskaltem Wasser liegen wir alle in unseren Hüttenschlafsäcken und versuchen so gut es geht zu schlafen. Aber zusätzlich zur normalen Unruhe, die so ein Matratzenlager mit sich bringt, kreisen mir auch noch viele Gedanken durch den Kopf. Gut lief es heute, 560 Meter Aufstieg und 470 Meter Abstieg, dazu der kurze Zusatzausflug auf die Kuhgehrenspitze. Ich fühle mich gut, der nächste Tag kann kommen.

 

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